Cuba im Film 2016

Willkommen zum 21. Festival „Cuba im Film“!

film ellos-somos-nosotros

Obama war da, der Papst war da, die Rolling Stones waren da, Politiker aus aller Welt geben sich in Havanna die Klinke in die Hand. Kuba steht im Focus der Weltöffentlichkeit wie nie zuvor. Die Annäherung zwischen den USA und Cuba weckt Hoffnungen wie Ängste, gleichzeitig ist die von Washington auferlegte Blockade- politik noch längst nicht beendet. Im Land wächst derweil die Angst vor einer fortlaufenden Öffnung der sozialen und wirtschaftlichen Schere. An Themen für Film- und  Kunstschaffende herrscht kein Mangel.

1996, als wir das erste Mal „Cuba im Film“ auf die Beine stellten, befanden sich Kuba und seine Filmindustrie gleichermaßen in einer schweren Krise. Zum ersten Mal seit der Gründung des Filminstituts ICAIC wurde kein einziger Spielfilm produziert. Heute blicken wir hingegen auf ein breitgefächertes aktuelles Filmschaffen, sowohl was die Menge, die Inhalte, die stilistischen Herangehensweisen und auch was Produktions- und Distributionswege anbelangt. Die Filmproduktion erholte sich nicht nur durch zunehmende Koproduktionen mit dem Ausland, sondern vor allem durch die neuen und leichter zugänglichen digitalen Technologien und nicht zuletzt durch neu auf der Bildfläche erschienene unterstützende Institutionen und Festivals (u. a. Fundación Ludwig de Cuba, Televisión Serrana, Muestra Joven ICAIC, Festival Internacional de Cine Pobre de Gibara) und es gab daher neue Möglichkeiten für Filme, produziert und gesehen zu werden, so dass sich nur wenige Filmemacher zur Emigration gezwungen sahen.

film La muerte-de-un-burocrataDie US-Filmwissenschaftlerin Ann Marie Stock beschreibt die Situation wie folgt: „Die erste Generation kubanischer Filmemacher widersetzte sich dem, was man unter Imperialismus verstand, insbesondere dessen im System Hollywood zum Ausdruck kommender kultureller Hegemonie. Die neuen Filmemacher drücken hingegen ihre Besorgnis über ihre unmittelbare Umgebung aus. […] Sie zeigen ihre Frustration über empfundene Entbehrungen und Ungerechtigkeiten, die sie erlebt oder erlitten haben, ohne den Traum aufzugeben, sich im Land „zu Hause“ zu fühlen […]. Beide Generationen sehen aus ihrer Sicht die Kamera als Werkzeug an, mit dessen Hilfe man Gesellschaft gestaltet; […] die zeitgenössischen Filmemacher nutzen das Medium mit dem Ziel, den Zuschauer für diejenigen zu sensibilisieren, die nicht in gleichem Maße am Projekt der Revolution teilhaben konnten. Dadurch erweitern sie den öffentlich en Diskurs und dessen Reichweite“ (Ann Marie Stock: „On Location in Cuba. Street Filmmaking in times of transition“). Das beschriebene Phänomen korrespondiert mit der Zunahme unabhängiger Produktionen in Cuba. Dabei überraschen die vielfältigen Beziehungen zwischen „offiziellen“ Strukturen und „unabhängigen“ Filmemachern. Diese Entwicklung macht sich auch bei der Auswahl der neuen Produktionen bemerkbar, die wir dieses Jahr in unser Programm aufgenommen haben: So sind zwar die Spielfilme La cosa humana von Gerardo Chijona, Cuba libre von Jorge Luis Sánchez und La emboscada von Alejandro Gil Álvarez ICAIC-Produktionen, hingegen zählen La obra del siglo von Carlos E. Machado Quintela, Café amargo von Rigoberto Jiménez, Caballos von Fabián Suárez oder der Dokumentarfilm El tren de la linea norte von Marcelo Martín zu den unabhängigen Produktionen.

Pavel Giroud wird mit seinem ebenfalls jenseits staatlicher Strukturen entstandenen Film El acompañante das Festival „Cuba im Film“ am Donnerstag Abend eröffnen und dabei ein wichtiges Thema jüngerer kubanischer Geschichte in spannender Inszenierung präsentieren. Pavel Giroud orientiert sich in seinem Verständnis am konsequentesten am internationalen Kino und hat damit dem heimischen Kino wichtige Impulse gegeben.

film la-obra-del-sigloZur Eröffnung läuft außerdem der Kurzfilm Impressionen aus Santiago von Jaška Klocke und Claudia Sebestyen, eine Frankfurter Filmproduktion. Unter den diesjährigen Gästen erwarten wir den Schauspieler Mario Guerra zur Präsentation von La obra del siglo, Gewinner des Hauptpreises „Tiger Award“ des Internationalen Filmfestivals Rotterdam. Angefragt ist ferner der Regisseur des Films Carlos E. Machado Quintela. Auch der Autor und Filmemacher Eduardo del Llano kommt nach Frankfurt um seine mittellangen Spielfilme Arte und Épica vorzustellen. In Letzterem wirft er einen ganz eigenen satirischen Blick auf die postrevolutionäre Geschichte. Der Film sorgte beim Festival in Havanna für Standing Ovations. Auch der Blick von Außen auf Cuba wird gewürdigt: Der irische Regisseur Paddy Breathnach wartet in seinem Spielfilm Viva mit der ersten Garde kubanischer Schauspieler auf: Jorge Perugorría, Héctor Medina, Luis Alberto García und Paula Alí sorgten bei den Aufführungen auf dem Festival in Havanna für volle Säle. Den langen Weg kubanischer Homo- und Transsexueller von der Repression hin zur Emanzipation zeigen Mariela Castro’s March: Cuba’s LGTB Revolution des US-Amerikaners Jon Alpert und Sin Límites der Niederländerin Sanne Derks . Zu afrokubanischen Thematiken gibt es die australisch-kubanisch-sierraleonische Koproduktion Ellos somos nosotros von Emma Christopher und Sergio Leyva Seiglie sowie Código color, memorias des kubanischamerikanischen Filmemachers William Sabourin O’Reilly.

caballos horses cheveauxDie Herausforderung in den 21 Jahren „Cuba im Film“ lag und liegt darin, die Entwicklung des kubanischen Kinos darzustellen, zumal das Angebot aufgrund der erwähnten technologischen Veränderungen auch unter der jüngeren Filmgeneration stetig wächst. Als Antwort darauf rief „Cuba im Film“ vor acht Jahren den Kurzfilmpreis „Junger kubanischer Film“ ins Leben, bei dem hessische Filmstudentinnen und -studenten die unabhängige Jury bilden und den Preisträger küren. In diesem Jahr geht der Preis an Emanuel Giraldo Betancur für seinen Film La bendita manía de contar.

„Cuba im Film“ freut sich besonders, mit Caballos den ersten Spielfilm von Fabián Suárez zu zeigen, der 2013 für Kendo monogatari unseren Filmpreis erhielt. Für Caballos wurde er nun im Rahmen des 20. Festivals „Muestra Joven ICAIC“ 2016 in Havanna für den besten Spielfilm (Mejor Ficción) ausgezeichnet.

Nicht vergessen: die Salsaparty am 10. Juni im Orange Peel mit „Nicky Márquez y Son a 3“ und die Abschlussveranstaltung „Noche Afrocubana“ am 12. Juni im Haus am Dom, wo die Autorin Linda Starbatty ihr Buch Afrokubanische Götterwelt – Geschichten von Göttern, Menschen, Tieren und Pflanzen des kubanischen tropischen Regenwaldes vorstellt, eingerahmt von Percussion und Tanz mit Anna Rodríguez, Juan Bauste und dem Waggong Latin Percussion Ensemble sowie weiteren Percussionisten mit afrokubanischen und populären Rhythmen.

Wir freuen uns auf Sie und auf spannende Filmtage und anregende Gespräche mit unseren Gästen!